4.1. Digitale Technologien und Partizipation (Mihi Bauer)

Einleitung
1. Mediale Entwicklungen
2. Die Rolle von Blogs und Sozialen Medien
3. Politische Partizipation und Neue Medien
4. Mangelnde „digitale Alphabetisierung“

Einleitung

Die Anteilnahme an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen ist ein hart erkämpftes oder teuer erkauftes Recht (vgl. Christof Tschohl, 1.1. Ethik, Recht und Menschenrechte) und immer wieder aufs Neue nicht als gesichert zu betrachten (vgl. Hans Christian Voigt, Kapitel 1.2. Rechte eines jeden Menschen _am_ Internet). In den meisten Hochkulturen versuchte eine kleine Elite, politische Partizipation auf ihre Kreise zu beschränken. Im 20. Jahrhundert wurde durch das zunehmende demokratische Grundverständnis und die Anerkennung der allgemeinen Deklaration der Menschenrechte die Hürde, Teil dieser Elite zu werden, deutlich gesenkt. Digitale Technologie, ihre Kultur und ihre Kommunikation werden spätestens seit dem „Arabischen Frühling“[1] als neues Mittel dargestellt, diese Eliten aufzubrechen. Die Prämisse: Durch digitale Kommunikation kann jede/r Einzelne gehört und wahrgenommen werden. Schafft die digitale Zeit neue Möglichkeiten für eine breitere politische Partizipation – oder sehen wir vor allem, was wir sehen wollen?

Um diese Frage zu beantworten, gehören vor allem zwei Aspekte näher betrachtet: Die Möglichkeiten zur politischen Partizipation durch Digitalisierung und Vernetzung der Gesellschaft einerseits, sowie andererseits die Frage, ob die Nutzung digitaler Technologien tatsächlich eine Begünstigung von Eliten verringert.

1. Mediale Entwicklungen

In den letzten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts war gesellschaftliche und politische Partizipation in Österreich stark von großen Medien abhängig. Ein staatliches Monopol auf TV und Rundfunk ließ de facto einzig die Printmedien als nicht-staatliche Medien zu. Dadurch waren Printmedien, allen voran einflussreiche Boulevard-Zeitungen, der nahezu einzige alternative Weg politisch auf die Öffentlichkeit Einfluss zu nehmen. Die Aufhebung des staatlichen Rundfunkmonopols veränderte daran kaum etwas. Wollten BürgerInnen etwas erreichen, mussten sie Redaktionen und JournalistInnen möglichst einflussreicher Medienhäuser für ihre Sache gewinnen.

Die seit den 90er Jahren sprunghaft ansteigende Zahl der NutzerInnen der Infrastruktur Internet änderte ursprünglich nicht viel an der Situation: Es wurde von wenigen Portalen beherrscht und es waren weiterhin KuratorInnen, die entschieden, welche Inhalte publiziert und damit „gehört“ werden sollten.

Abseits dieser großen Webportale (wie u.a. Yahoo, Altavista oder AOL) entstanden allerdings zunehmend viele kleine Interessensgruppen und Gemeinschaften, die sich jener Themen annahmen, die in den Massenmedien ebenso wie auf Online-Portalen vernachlässigt wurden. Die zunehmende Vernetzung von AkteureInnen und Interessensgruppen untereinander ermöglichte es, auch abseits der durch GatekeeperInnen aufbereiteten Inhalte Informationen zu finden: Das klassische Internetsurfen war geboren. Wer einmal eine Webseite gefunden hatte, die das Thema behandelte, zu dem es sonst wenige Informationen gab, folgte (oft stundenlang) weiteren Links zu weiteren Webseiten, um dennoch mehr zu erfahren.

Ende der 90er Jahre begann schließlich eine kleines Unternehmen die Art und Weise zu revolutionieren, wie und was im Internet gesucht und gefunden wird: Google. Anstatt wie frühere Suchmaschinen auf aktive Einreichungen und Schlüsselwörter zu bauen, wurden Volltextsuche und jene Linksammlungen, die abseits von Portalen Webseiten vernetzten, zu Indikatoren für Inhalt und Bedeutung. Die Macht der großen Portale wurde durch die effektive Suche abgelöst. (Vgl. Julian Ausserhofer, Kapitel 1.6. Gute Filter, böse Filter?)

2. Die Rolle von Blogs und Sozialen Medien

Die Tatsache, dass Inhalte von BenutzerInnen nun leichter gefunden werden konnten, vereinfachte es, eine eigene Meinung kund zu tun. Damit entwickelte sich das, was wenig später als die „Blogosphäre“ bekannt wurde: Individuen hatten nun die Möglichkeit, ohne den Umweg über GatekeeperInnen, ihre Ansichten zu auszutauschen. Mehr und mehr Plattformen bauten auf Inhalte, die durch BenutzerInnen generiert werden – und Soziale Medien entstanden. Diese ermöglichen NutzerInnen, eigene Inhalte rasch an einen Kreis von Interessierten zu verbreiten. Durch klassische Netzwerkeffekte breitet sich so Information rasant fort. Plattformen wie Twitter überholten klassische Medienhäuser, wenn es darum ging, möglichst schnell an Information zu kommen.

Soziale Medien ermöglichten Interessensgruppen, mit wenig Aufwand ihre Anliegen zu verbreiten. Flashmobs zeigten wie einfach es sein konnte, mit dieser Technologie viele Menschen zu mobilisieren. Im Rahmen der Studierendenproteste (#unibrennt) in Österreich ließ sich beobachten, dass Soziale Medien dazu geeignet sind, Massenmedien zu umgehen. Obwohl die Proteste zu Beginn von großen Medienhäusern ignoriert wurden, wuchs die Bewegung trotzdem – bis sie nicht mehr ignoriert werden konnte.

Auch während der Proteste in Tunesien, Ägypten und Libyen wurde seitens der Protestierenden auf Soziale Netzwerke zurückgegriffen, um unabhängig von staatlichen Medien Nachrichten in die Welt zu bringen. Der Einfluss von Sozialen Medien auf die Organisation der Proteste ist jedoch kaum belegt – klar ist aber: Soziale Medien halfen, Europa und Nordamerika in das Geschehen einzubeziehen.

Die Möglichkeit zur direkten Kommunikation zwischen Individuen mittels Sozialer Medien wird als Indikator dafür zu gesehen, dass politische Partizipation breiter und einfacher geworden ist. PolitikerInnen und JournalistInnen können über diese Plattformen verhältnismäßig leicht erreicht werden und Debatten entstehen, die ohne die neuen Kommunikationsmöglichkeiten wenig Beachtung gefunden hätten.

3. Politische Partizipation und Neue Medien

Ermöglichen diese neuen Technologien aber tatsächlich bessere Möglichkeiten für eine breitere Teilnahme an politischen Prozessen? Gerade in Sozialen Medien wie Twitter wird politischen Fragen viel Aufmerksamkeit gewidmet. Allerdings benutzt nur ein Bruchteil der österreichischen Bevölkerung diese Plattform – und von diesem kleinen Teil wiederum beteiligt sich nur eine sehr überschaubare Menge der NutzerInnen aktiv an den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen. (Vgl. Stephan Schlögl, Kapitel 3.5. Weltöffentlichkeit)

Eine Studie zur politischen Teilnahme der österreichischen TwitterbenutzerInnen[2] identifizierte zentrale Twitter-AkteurInnen und konnte zeigen, dass es sich bei den im Kern des Netzwerks befindlichen TeilnehmerInnen insbesondere um JournalistInnen, einige PolitikerInnen und Politik-ExpertInnen handelt. Etwa ein Sechstel aller Adressierungen durch JournalistInnen und PolitikerInnen gilt BürgerInnen – die zu einem Gutteil ein „Early-Adopter-Netzwerk“ ausmachen. Außerhalb dieser schon etablierten Personengruppen bleiben nur sehr wenige, die Einfluss auf die Diskussion zu nehmen in der Lage sind. NutzerInnen im Netzwerk-Kern stehen zwar mit einer Reihe von Menschen in Kontakt, die nicht Teil des engen Netzwerkes sind, die Politik-Profis werden aber sehr viel stärker von NutzerInnen außerhalb des Netzwerks erwähnt, als sie selber ebensolche adressieren. Dennoch gibt es Kontakte „nach außen“, was für eine Erweiterung politischer Partizipationsmöglichkeiten durch Twitter spricht. Allerdings beschränkt sich die Interaktion mit NutzerInnen von außerhalb des Netzwerks bei Politik-Profis oftmals auf kurze Frage-&-Antwort-Dialoge. Deutlich wurde bei der Untersuchung vor allem, dass ein massiv ungleiches Geschlechterverhältnis unter den NutzerInnen des Samples besteht, das auch in anderen Untersuchungen bestätigt wird (vgl. Leonie Tanczer, Kapitel 1.4. Post, Gender, Internet?). Vermutungen für mögliche Ursachen diesbezüglich reichen laut den AutorInnen je nach Perspektive von fehlender Technologieaffinitat, schwächer ausgeprägtem politischem Interesse, geringerem Sendungsbewusstsein bis hin zu allgemeinen gesellschaftlichen Machtstrukturen. In jedem Fall zeigt sich ein Ungleichgewicht an Möglichkeiten, Neue Medien – in diesem Fall Twitter – zur politischen Partizipation zu nutzen.

4. Mangelnde „digitale Alphabetisierung“

Es scheint sich also vielmehr um eine neue Form der kommunikativen Elite zu handeln, nämlich digital und technisch versierte AkteurInnen, die sich auf diesem Wege informieren und austauschen und in der Art Einfluss nehmen. Für sie stellen die Möglichkeiten der Plattformen vor allem eine Erweiterung an nützlichen Werkzeugen dar. Die Verbreitung digitaler Technologie vereinfacht es also vor allem, versierten, gut-vernetzten Individuen ihre Nachrichten einfacher zu vermitteln – und senkt für diese Personengruppen die Schwelle für eine aktive Teilnahme.

Das gilt jedoch weiterhin und bei weitem nicht für die gesamte Bevölkerung: Um am Diskurs teilzunehmen, gibt es weiterhin eine Vielzahl an Barrieren und Beschränkungen, sie verändern sich im jeweiligen Kontext nur. Durch den Einfluss dieser neuen digitalen Eliten, die ihre Möglichkeiten zur Partizipation zunehmend realisieren, entsteht der Eindruck, digitale Technologie könne für sich genommen bereits breite Partizipation fördern und ermöglichen. Dieser Eindruck sollte jedoch angezweifelt werden.

Technologie selbst hilft nur weiter, wenn Individuen diese zu nutzen verstehen. Um breite gesellschaftliche und politische Partizipation technologisch vermittelt zu ermöglichen, braucht es zum einen die möglichst weitläufige Verbreitung eines technischen Verständnisses (und viele weitere Fähigkeiten), zum anderen ist ein politischer Wille nötig, mehr Partizipation zuzulassen sowie die Akzeptanz, dass gesellschaftliche Prozesse unvorhersehbar sein können. Eine möglichst umfassende „digitale Alphabetisierung“ in einem möglichst großen Teil der Bevölkerung ist somit als eine Grundvoraussetzung zur Partizipation zu verstehen. (S. Julian Ausserhofer und Heinz Wittenbrink, Kapitel 4.2 Web Literacies und Offene Bildung)



[1] Als Arabischer Frühling wird eine Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in den arabischen Ländern bezeichnet, die im Dezember 2010 in Tunesien begann. Für die Bedeutung Sozialer Medien während des Arabischen Frühlings vgl. bspw. Die Erfahrungsberichte von BloggerInnen aus sechs arabischen Ländern in: http://politik-digital.de/social-media-und-die-arabische-revolution/ (Letzter Aufruf: 31.5.2013)

[2] Vgl. Ausserhofer, Julian / Kittenberger, Axel / Maireder, Axel (2012). Twitterpolitik. Netzwerke und Themen der politischen Twittersphäre in Österreich. Nachzulesen unter: http://twitterpolitik.net (Letzter Aufruf: 31.5.2013)

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